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Von Wogen, Tiden und Fantasy: Melanie Meier im Qinterview

20/11/2017

Fantasyromane werden gern als „Flucht vor der Realität“ betrachtet, mit aktueller Politik werden sie selten in Verbindung gebracht und gesellschaftliche Relevanz wird ihnen ohnehin abgesprochen. Der Interviewer und die Interviewte haben sich aber bei diesem Gespräch über den Auftakt zu „Der Fourfold-Clan“, der Romanreihe, die jetzt mit dem Band „Der Ruf der Tiden“ startet in philosophische Tiefe und Theorie verirrt. Vielleicht macht es ja all jene neugierig, die bisher einen Bogen um das Genre machen. Und alle ohnehin schon begeisterten Leser von Melanie Meier können sicher sein: Die Bücher werden genauso spannend und unterhaltsam, wie wir es von ihr kennen.

1. Hallo Melanie, vorstellen muss ich dich ja nicht mehr, deine (Bezug nehmend auf unser letztes Qinterview) schlechten Romane haben sich ja inzwischen eine Fangemeinde erobert?

Es gibt ein paar Wiederholungstäter, die fast alles lesen, was ich schreibe, das stimmt. Trotzdem will ich so höflich sein und mich vorstellen: Melanie Meier, 34, ansässig in Regensburg. Ich liebe Geschichten, die Welten entstehen lassen und die – im besten Falle – Musik werden. Ich bin bemüht, die Welten und deren jeweils ganz eigene Lieder und Klänge zu Papier zu bringen, damit diese im Leser wiederum ganz individuell wahrgenommen werden können. Ich liebe es, wenn ich mit jemandem über ein und dieselbe Geschichte spreche, und doch haben wir beide dasselbe anders erlebt und ziehen ein ganz anderes Fazit daraus. Darin zeigt sich die Vielschichtigkeit des Lebens: Man schöpft aus einer Quelle und erhält ungezählte Eindrücke

2. Passiert das nicht schon, weil es unmöglich ist, seine eigene Lebenserfahrung nicht in eine Geschichte zu lesen?

Du meinst, der Leser projiziert ohnehin seine Erfahrungen in die Geschichte hinein? Ganz bestimmt ist das prinzipiell so. Es gibt Geschichten, die das mehr zulassen als andere, die dem Leser mehr Spielraum lassen, weil sie weniger Gefühle, Gedanken und Emotionen – weniger Dogmen – diktieren oder diese infrage stellen. Darauf kommt es mir an.

3. Bevor ich zu deinem neuen Buch komme, muss ich einfach fragen, ob ich der Einzige bin, der bei dem Vornamen Loki sofort an Helmut Schmidt denkt oder ob du das von anderen auch schon gehört hast?

Ich kann dich beruhigen, du bist nicht der Einzige. Abgesehen vom Namen haben Loki von Schallern und Loki Schmidt (sie ruhe in Frieden) ja auch beinahe dieselbe Frisur – Verwechslung vorprogrammiert. 😉 Ansonsten allerdings bestehen nicht so viele Gemeinsamkeiten, denn ich dachte nicht an die Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers, als ich den Protagonisten entwarf. Kundige wissen, dass Loki von Schallern nur ein Pseudonym ist, der Mann heißt in Wahrheit anders und hat sich nur so genannt, weil der Name Programm ist. Mehr verrate ich aber nicht.

4. Wenn ich als Hamburger die Inhaltsangabe zu deiner neu startenden Buchreihe lese, gibt es auch so einen Begriff, der bei mir gleich Assoziationen weckt, kannst du dir vorstellen, welcher?

Die Tiden, nehme ich an. Wobei es weitere Begriffe gibt, die auf das Maritime hinweisen, ›Captn‹ zum Beispiel. Oder auch der von einem Protagonisten viel verwendete Satz: „Wir reiten auf einer größeren Planes Woge.“

5. Haben die Tiden in dem Roman etwas mit den Gezeiten zu tun?

Ja und nein. Es gibt eine Entsprechung, die nicht direkt mit den Gezeiten, sondern vielmehr mit dem scheinbar immerwährenden Auf und Ab derselben zu tun hat. Die Tiden in meinem Roman sind eine übernatürliche Kraft, ein ›Gebiet‹ jenseits der Materie (oder darin?), auf das Menschen mit gewissen Fähigkeiten auf unterschiedliche Weise zugreifen können. Carl Weniger zum Beispiel, ein Bruder des Fourfold-Clans, kann über sie in andere Welten und in andere Zeiten reisen – ein gefährliches Unterfangen für all jene, die „die Tiden nicht überblicken“, denn sie können darin verloren gehen.

6. Obwohl das Auf- und ab des Gezeitenstroms ja durch die Mondphasen eine gewisse Regelmäßigkeit aufweist und zu berechnen ist. Die Tiden im Roman wohl eher nicht, oder?

Dazu darf ich an dieser Stelle noch gar nicht so viel verraten, fürchte ich. Nur so viel: Diese Parallele findet sich im Leben ja an vielen Stellen wieder, dennoch scheint es, als seien die Menschen oft überrascht, wenn nach der Flut die Ebbe folgt – metaphorisch gesprochen. (So wie ich heute Morgen überrascht war, als ich sah, dass es schneite. ^^)

7. Findet sich die maritime Begrifflichkeit auch im Setting wieder? Gibt es Meere, Häfen, Schiffe?

Noch nicht. Aber auch diesbezüglich versteht womöglich jemand, der sich bereits tiefer mit diesem Thema beschäftigt hat oder daraufhin recherchiert, schon während des Lesens des ersten Bandes, warum ich intuitiv maritime Begriffe verwende. Folgt man dem roten Faden in der Geschichte unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems, stolpert man unweigerlich darüber.

8. Gibt es eigentlich schon viele maritime Fantasyromane und spielen solche Gedanken in der Stoffplanung eine Rolle?

Das weiß ich nicht, und ich habe, ehrlich gesagt, auch nicht darüber nachgedacht. Das ist ja kein maritimer Fantasyroman, er nimmt sich nur Anleihen daraus, weil ich auf etwas hinweisen möchte.

9. Bei deiner Ankündigungsgrafik auf Facebook habe ich sofort an einen Gesellschaftsroman gedacht. Käme ich mit der Erwartung auf meine Kosten?

Nun ja, in erster Linie ist es ein dystopisch angehauchter Fantasyroman, aber falsch liegst du damit nicht. Verschiedene aktuelle gesellschaftliche und auch politische Geschehnisse finden auf jeden Fall ihren Niederschlag. Ein Thema, das sich ganz klar durch die Reihe zieht, ist die Frage nach dem rein materialistischen Weltbild: Worauf ist Materie gebaut? Carl Weniger würde darauf antworten: „Auf den Tiden“, also auf etwas, das nicht gegenständlich, nicht materiell, sondern vielmehr geistiger Natur ist. Für mich ist das ein Gedankenspiel, das ich mir abseits des Mainstreamglaubens erlaube: Wenn ich einmal annehme, Materie gebiert sich nicht aus sich selbst, sondern aus etwas Geistigem heraus, welche Konsequenzen hätte das für all jenes, wovon ich denke, es sei richtig und gut? – Um deine Frage also zu beantworten: Du kämst dann auf deine Kosten, wenn du zwischen den Zeilen liest.

10. Oh, jetzt schäme ich mich fast ein bisschen, ich hoffe, so tieftheoretische Gedanken verschrecken dir nicht die Leser. Mich selbst macht das ja eher neugierig.

Schämen wir uns gemeinsam. : Ich kann wiederum beruhigen: Der Roman ist kurzweilig und spannend. Wir haben ja nun eher das besprochen, was mich bewegt hat, während ich schrieb; eingeflossen sind diese Dinge weder wörtlich noch als direkte Handlungen, vielmehr ist der Roman in seiner Einfachheit das Resultat meiner Überlegungen. Derartige Gedanken kann sich der Leser im Anschluss selbst machen, wenn er möchte.
Übrigens finde ich das alles gar nicht so theoretisch, denn meiner Erfahrung nach hat das Weltbild, das man mit sich herumschleppt, sehr ›griffige‹ Auswirkungen. Die Art und Weise, wie ich die Welt sehe, basiert darauf, was, wer und wie ich bin. Um ein Beispiel zu nennen, das bestimmt jeder kennt: Man steht vor dem Autokauf, interessiert sich für ein Modell im Speziellen, und plötzlich sieht man ebendieses überall fahren. Jeder lenkt seine Aufmerksamkeit selbst, je nachdem, welches Weltbild er hat, grob gesagt.

11. Gehörst du zu den Plottern oder lässt du dich von der Geschichte und ihren Figuren führen?

Das ist unterschiedlich. Für die Loki von Schallern-Reihe und den Tizian Wolff-Roman, der nächstes Jahr im Talawah-Verlag erscheint, habe ich die Protagonisten sehr genau ausgearbeitet, die Story selbst hat sich anschließend aus den Personen und ihren Stärken und Schwächen herauskristallisiert. Für „Levi. Aus dem Leben eines Verrückten“ und „Der Fourfold-Clan: Der Ruf der Tiden“ habe ich rein gar nichts vorher festgelegt oder gar gezielt recherchiert. Bei beiden hatte ich den ersten Satz ›plötzlich‹ im Kopf, und ehe ich mich versah, war ich mitten im Geschehen. So schreibe ich eigentlich am liebsten: Ich lasse es mir passieren. Das ist fast genauso, als würde ich lesen, weil ich vorher kaum weiß, was die nächsten Seiten bringen werden.

12. Du schreibst zumeist mehrbändig. Brauchst du es lang?

Anscheinend. Ich lese auch selbst sehr gern Reihen und schaue am liebsten Serien. Mich interessieren an erster Stelle die Menschen, ihre Motive, ihre Eigenarten, und nicht zuletzt ihre Entwicklungen oder ihre Stagnationen. Das kann man in Reihen natürlich sehr viel umfassender und anschaulicher darlegen.

13. Noch einmal mit Bezug auf unser letztes Qinterview: Wie sehr hast du dich vor den Tiden gegruselt?
(Melanie Meiser sagte dort sinngemäß, Charaktere, vor denen sie sich beim Schreiben nicht auch mal gruseln würde, wären nicht ausreichend ausgearbeitet.)

Erst einmal gar nicht. Im Moment schreibe ich am zweiten Band, da sah es dann schon etwas anders aus. Ich sträubte mich eine ganze Weile, weiterzuschreiben, als mir klar wurde, wohin mich die Reise des Fourfold-Clans führte. Inzwischen habe ich (haben wir) aber auch diese Hürde genommen – nein, wir sind just dabei, sie zu nehmen, und ich bin guter Dinge, dass wir gestärkt daraus hervorgehen werden. :

14. Wo findet man dich im Internet?
Auf meiner Autorenseite: http://melanie-petra.jimdo.com/,
auf der Loki von Schallern-Seite: http://loki-von-schallern.jimdo.com/,
bei Amazon: www.amazon.de/Melanie-Meier/e/B008GSE89C
und bei Facebook: https://www.facebook.com/mmelaniemeier

Ich wünsche dir und deinem neuen Buch viel Erfolg

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