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Von Besitzlosigkeit und freier Liebe: Divina Michaelis im Qinterview

17/07/2017

Das liest sich nach dem Leben in einer Hippiekommune der Siebziger, doch was die Protagonistin der Reihe „Homos Serpentes“ von Divina Michaelis erlebt, ist weit entfernt von nostalgischer Woodstock-Romantik. Als Forscherin landet sie auf einem fremden Planeten und begegnet einer ganz neuen Spezies, die wegen ihrer ganz anderen Lebensart ihr Interesse weckt, auch, wenn sie bei diesen Kreaturen auf Widerstand stößt.
Im Qinterview hat uns Divina viel über unterschiedliche Gesellschaften und Lebensentwürfe erzählt:

 

1. Hallo Divina, seit unserem letzten Qinterview sind fast zwei Jahre vergangen. Was hat sich für dich seitdem verändert?
Also der Erfolg ist mir noch nicht zu Kopf gestiegen, aber es macht immer mehr Spaß, wenn ich sehe, dass meine Bücher auch gut gekauft und gelesen werden. Zudem ist es ein besonderes Gefühl, wenn man sogar Rückmeldung aus dem Ausland bekommt. Ich habe zum Beispiel einen Leser in der Schweiz, der alle! meine Bücher direkt bei mir bestellt hat, weil er sie unbedingt signiert haben wollte.
Ansonsten: Seit dem letzten Qinterview habe ich die Homo Serpentes-Reihe fertig geschrieben (eine kostenlose Vorgeschichte plus drei Bände) und bin jetzt gerade dabei, eine Kurzromansammlung mit Gestaltwandlern (Wölfe) fertigzustellen. Drei Geschichten existieren bereits als E-Book, wenn die vierte fertig ist, mache ich daraus einen Sammelband, für den sich auch der Druck lohnt.

2. Oh, habe ich die im Qindieregal etwa übersehen?
Öhm – nein. Du hast mich erwischt! Ich war etwas faul, was die Aktualisierung angeht. Das werde ich demnächst nachholen.

3. Literarisch hast du dich seit einiger Zeit Schlangenmenschen verschrieben, was macht die für die Erotik so interessant?
Es geht gar nicht so sehr um die andere Spezies, sondern darum, wie sie leben und warum sie so leben. Auf einem anderen Planeten kann man ein Sozialsystem erschaffen, das sich gänzlich von allem, was wir kennen, unterscheidet. Wenn man nun jemanden, der aus unserer Gesellschaft kommt, in diese Umgebung bringt, wie muss das auf denjenigen wirken? Wie kommt er damit klar? Es ist ein Spiel damit, wie das Leben auch sein könnte, wären die Voraussetzungen anders. Und das betrifft natürlich auch den Punkt Erotik, insbesondere, da das Gesellschaftssystem der Einheimischen auf Sex aufbaut.

4. Das liest sich auch nach einer spannenden Möglichkeit irdische Moralvorstellungen gedanklich zu überwinden?
Auf jeden Fall. Wobei es ja eigentlich nicht einmal irdische Moralvorstellungen sind, sondern gesellschaftliche. Je nachdem, wo der Mensch aufgewachsen ist, übernimmt er zumeist ungefragt die Werte, die in seiner Gesellschaft vorherrschen. Wie Sex gehändelt wird, ist sowohl geografisch als auch historisch gesehen vollkommen unterschiedlich. Bei den Inuit galt es zum Beispiel früher als Gastfreundschaft, dem allein umherziehenden Jäger neben Kost und Logis auch seine Frau anzubieten – eine ungeheuerliche Vorstellung für jemanden, der im christlichen Glauben erzogen wurde. Oder man denke an den Scheich mit seinem Harem. Wobei das weniger verurteilt wird, denn Vielweiberei wird Männern eher zugestanden als Vielmännerei den Frauen.
Heute ist die Monogamie zwar recht verbreitet, aber eben nicht überall. Die Frage wäre dann: Wer hat darüber zu entscheiden, wie andere leben wollen/sollen? Ist es richtig, unsere Moralvorstellungen anderen überzustülpen? Wie sähe es aus, wenn wir das nicht täten? Welche Vor- und welche Nachteile gäbe es dabei?
Einen leichten Eindruck davon bekommt man bereits in der Vorgeschichte „Die Entdeckung des Homo Serpentes“, die man als E-Book überall kostenlos bekommt: Während ihres Forschungsauftrags stolpert Dr. Douglas regelrecht über das ungewöhnliche Leben der Homo Serpentes. Sie sieht, dass diese Spezies offenbar keine Scham kennt. Und prompt kommen ihr ihre anerzogenen Moralvorstellungen in die Quere, denn sie schämt sich, weil sie bereits durch das Zusehen erregt wird. Das ist etwas, was schon mal nicht sein darf, oder?

5. Mehr Freiheiten bergen ja oft auch den Zwang, sie auszunutzen, um nicht als verklemmt zu gelten. Wäre das eine Reaktion der Erdlinge? Die Protagonistin ist ja von ihrer Spezies da recht allein?
Die Frage stellt sich ihr gar nicht. Sex ist bei dieser Spezies etwas, das offen ausgelebt wird, z.B. als Belohnung, zur Entspannung, beim Begrüßungs- und Verabschiedungsritual, auf Festen und natürlich auch zur Vermehrung. Letzteres findet aber immer nur am frühen Morgen statt. Alles, was danach kommt, dient dem Gemeinschaftssinn und der Freude. Niemand verzieht sich da in eine stille Ecke. Gäste anderer Clans werden ebenso integriert. Darum war Dr. Douglas am Anfang so überrascht, dass die Clansmänner gar nichts mit ihr zu tun haben wollten. Auf der anderen Seite war sie aber auch froh, es nicht mit jedem treiben zu müssen. Dass es dann später doch dazu gekommen ist, hat sich so nach und nach ergeben.
6. Ohne das Cover hätte ich wohl zunächst an die sehr biegsamen Akrobaten aus dem Zirkus gedacht. Die kommen aber in dem Buch nicht vor?
Definitiv nicht. Die Canisha sind geschickte Kletterer, die sich ihre Nahrung überwiegend in den Bäumen suchen, was natürlich auch eine gewisse Akrobatik erfordert. Dafür und für eventuelle Kämpfe müssen sie kräftig sein, nicht biegsam.

7. In deinen Klappentexten sprichst du von einem deiner Schlangenmänner als „Beschützer“ der Protagonisten? Als Hamburger denke ich da sofort an die „Beschützer“ der Prostituierten. Ist das Absicht?
So zu denken wäre mit menschlichen Maßstäben zu denken. Diese Menschenartigen denken aber anders.
Dr. Douglas stößt als schwacher Mensch zu einer fest eingeschworenen Gruppe. Die Frau sieht anders aus und verhält sich anders, sodass die meisten im Clan gar kein Interesse an ihr haben. Wenn Giona nicht als eine Art Pate für sie fungieren würde, hätte sie wieder in den Urwald zurückgemusst, was ihr Tod gewesen wäre. Im Grunde beschützt Giona sie aber nicht nur davor, sondern auch vor gewissen Personen in der Gruppe, denen ihre Anwesenheit nicht passt, sowie auch vor den Konsequenzen ihres eigenen Handelns, das sie oft in Gefahr bringt. Er ist also eher etwas wie eine Art grünschuppiger Ritter für sie, ohne den sie längst tot wäre.

8. Jedenfalls scheint es Giona nicht zu stören, wenn mehrere der Schlangenmenschen die Besonderheit deiner Protagonistin sexuell erfahren?
Das liegt am Sozialsystem. Eifersucht ist dort beinahe unbekannt und teilen erwünscht.

9. Das liest sich ja angenehm. Gilt das allgemein für Besitzdenken dort?
Es gibt keinen Besitz. Das Einzige, was die Canisha bei Wanderungen mit sich herumschleppen, sind Speere zur Verteidigung. Ansonsten brauchen sie nicht mehr als das, was ihnen die reichhaltige Natur gibt. Der Clan sucht sich ein passendes Lager an einem Fluss und steckt es ab. Innerhalb des Lagers kann sich jeder frei bewegen. Durch ihre Schlangenhaut sind die Canisha gut gegen äußere Einflüsse geschützt, sodass sie keine Gebäude brauchen, sondern in der Gruppe unter freiem Himmel schlafen. Hier ist Dr. Douglas natürlich im Nachteil, aber sie wird von Giona gewärmt, wenn es mal etwas kälter wird.

10. Sind die Canisha nicht so monogam geprägt, wie wir Menschen es uns von uns gern einreden?
Absolut nicht. Für Monogamie haben sie auch gar kein Verständnis. Als Dr. Douglas ihnen von der menschlichen Lebensart erzählt, sind sie sogar entsetzt.
Auf Shabitha gibt es nur wenige Frauen aber viele Männer, sodass es zu begrüßen ist, wenn jeder mal drankommt. Es bilden sich auch keine Paarungen. Jeder kümmert sich um jeden und die Männer passen ganz genau auf, dass ihren Frauen nichts passiert, da jede von ihnen wertvoll ist, weshalb sie auch mehr zu sagen haben als die Männer.
Natürlich haben manche Frauen ihren Lieblingsmann und umgekehrt, was aber nicht bedeutet, dass diese ausschließlich untereinander Sex haben. Nur wenn es um Vermehrung geht, gibt es gewisse Regeln, welcher Mann darf und welcher nicht.

11. Gibt es unter den Canisha eine strenge Unterteilung in Homo- und Heterosexualität?
Nein. Zwar bevorzugen die Männer es, mit Frauen zu schlafen, aber es ist kein Muss. Das soll aber nicht heißen, dass ich in dem Roman homoerotische Szenen hineingebracht hätte. Wenn es um Handlungen zwischen zwei Frauen geht, bekomme ich das noch hin, aber die männliche Variante überlasse ich lieber anderen SchriftstellerInnen, die das besser können.

12. Täusche ich mich oder versuchst du in dieser bisher dreibändigen Serie ein bisschen weiter über die sexuellen Aspekte hinaus zu erzählen?
Du täuscht dich nicht. Dieser Roman ist äußerst vielschichtig. Neben der Erotik werden auch soziale und umwelttechnische Punkte zur Sprache gebracht. Ich versuche Lesern vor Augen zu halten, dass alles, was man tut, auch Konsequenzen hat, ohne dabei aber mit dem Finger vor der Nase zu wedeln. Außerdem biete ich alternative Sichtweisen an, die vielleicht zur Entspannung im eigenen Liebesleben führen könnten. Und diejenigen, die sich damit nicht auseinandersetzen wollen, lesen einfach nur ein gutes, spannendes Buch mit dem gewissen Etwas.

13. Schlangen sind ja wechselwarm, trifft das auch auf den Homo Serpentes zu?
Da sie genau wie wir Säugetiere sind, nein.

14. Schlangen machen mir Angst und auch die schuppige Haut erreicht mich nicht. Warum sollte ich dein Buch dennoch lesen?
Weil es um wesentlich mehr geht als um schuppige Haut – und um Schlangen sowieso nicht. Eigentlich geht es um Menschen und Menschenähnliche, ihre Beziehungen zueinander und zu anderen, ihr Verhalten, ihre Liebe und ihren Hass. Welche Stellung haben Frauen, Männer und Kinder in dieser Gesellschaft? Warum sind die Canisha so? Was ist mit der Umwelt? Hinter allem, was in dem Roman passiert, steckt ein Grund.
Dieses Buch ist ebenso ein Abenteuerroman wie er auch auf gewisse Art Fantasyelemente und Science-Fiction beinhaltet, die Erotik nicht zu vergessen. Er macht auf Probleme aufmerksam, mit denen wir uns ebenso herumschlagen müssen wie die Canisha und bietet andere Sichtweisen und Lösungen.
15. Hast du versucht, die Reihe bei einem Verlag unter zu bringen?
Nein. Ich habe kein Interesse an Verlagen. Auch denke ich, dass dieser Genremix sowieso nur auf wenig Gegenliebe eines Verlags stoßen würde, selbst wenn das Buch noch so gut ist. Wenn mir einer von sich aus anbieten würde, den Roman in anderen Sprachen herauszubringen, würde ich es mir wohl überlegen, aber so fühle ich mich als Selfpublisher sehr glücklich.
16. Was hat sich für Selfpublisher aus deiner Sicht bisher verbessert und was muss sich noch verbessern?
Ich habe das Gefühl, dass sich Leser vermehrt im SP-Bereich umschauen, einfach weil sie merken, dass es dort ebenfalls besonders gute Bücher gibt, unter anderem welche, die sie bei Verlagen nie bekommen würden. Einen nicht unerheblichen Anteil an der Verbesserung dieser Sichtweise hat sicherlich auch Qindie – das Interesse auf der Leipziger Buchmesse an Büchern mit diesem Siegel war deutlich spürbar.
Ich würde mir wünschen, dass der örtliche Buchhandel mehr Interesse zeigen würde, denn ein erweitertes Angebot käme auch ihm zugute. Aber da beißt man eher auf Granit. Ich kann damit leben, ich finde es nur schade, dass manche Buchhändler sich dann über einbrechende Umsätze beklagen, aber keinerlei Schuld bei sich sehen.

17. Wo findet man dich im Internet?
Natürlich bei Facebook unter dem Namen Divina Michaelis. Ansonsten habe ich auch bei Qindie eine Autorenseite, ebenso bei Amazon und beim Büchertreff.de. Wer mir eine E-Mail schicken möchte: Bei freenet.de hab ich unter dem Namen divina.michaelis ein Konto. Eine eigene Homepage habe ich nicht, aber um mich zu erreichen, braucht es die auch nicht.

Wir danken dir herzlich für dieses Interview, Divina

 

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